ABC - Erlebnispädagogik

Nach dem Konzept der ABC-Erlebnispädagogik wird seit dem Schuljahr 2001/02 an unserer Schule gearbeitet.

Gundlegendes

Das Konzept des „Sozialen Lernens“ auf der Grundlage des ABC-Konzepts (Adventure based Counseling) ist von den Lehrerinnen und Lehrern der LES in enger Zusammenarbeit mit Frau Kaiser vom bsj im Schuljahr 2001/2 eingeführt und den speziellen Bedingungen angepasst worden. Seitdem kontinuierlich umgesetzt.

Zur besseren Übersicht findet sich am Ende dieses Artikels die sog. „Pyramide des sozialen Lernens“. Sie veranschaulicht das Schulprogramm der LES aus abenteuer- und erlebnispädagogischem Blickwinkel und schließt dabei die spezifischen erfahrungs- und handlungsorientierten Lernmethoden der Hauptstufe mit ein. Da es sich um ein schulumfassendes Konzept handelt, werden in den nachfolgenden Erläuterungen die Jahrgangsstufen getrennt betrachtet. Die beschriebene Einteilung wurde von der ABC-Gruppe1 erarbeitet und ist nicht als starres Gerüst zu verstehen. Mit einer 7. Klasse wird man kaum eine dreitägige Kanutour unternehmen, wenn sich schon in einer Tagesaktion zeigte, dass das Zusammensein zu unlösbaren Konfliktsituationen führte. Wenn andererseits die sozialen Basiskompetenzen ausreichend entwickelt wurden, kann eine Kanutour bereits in der vierten Klasse stattfinden. Hierbei handelt es sich aber um Ausnahmefälle.

Die aus den bisherigen Erfahrungen entwickelte Einteilung soll den Lehrerinnen und Lehrern bzw. den Eltern als Orientierungshilfe dienen und kann ggf. wieder verändert werden.

Erste bis dritte Klasse

In dieser Alterstufe fehlt es den Schülern an der LES oftmals noch an sozialen Basiskompetenzen. Damit liegt die vorrangige Aufgabe in der Grundlegung einer Sozialstruktur bei den Kindern.

Unter diesen Voraussetzungen kann jedoch kein vollständiges Projekt im Bereich des sozialen Lernens durchgeführt werden (z.B. eine ABC-Sequenz). Die Schüler wären sowohl kognitiv als auch sozial-affektiv überfordert. Die z.T. fehlende Frustrationstoleranz und insbesondere das eigene, unreflektierte Verhalten lassen kooperations- und vertrauensbildende Aufgaben in der Regel noch nicht zu. Wir sind aber zu der Überzeugung gekommen, dass gerade in dieser Phase grundlegende Bausteine des sozialen Lernens zusammengetragen werden müssen, die zur späteren Umsetzung der Projekte unabdingbar sind. Für den Weiterbau sind drei Bausteine wesentlich:

 

  1. Gemeinschaftserfahrung

Die eindrucksvolle Wirkung, die die Spaßspiele schon in diesem Alter auf die Kinder ausüben, führt in den Klassen zu gemeinschaftlichen Erlebnissen von ungeahnter Dauer (so wurde z.B. das Spiel „Froschkönig“ in einer 2. Klasse über 40 Minuten lang gespielt!).

Da es sich immer um ein Miteinander-Spielen handelt, bei dem kein Kind ausscheiden oder verlieren kann, erfahren die einzelnen Kinder keine Misserfolgserlebnisse, eine geringe Frustrationstoleranz wirkt sich nicht negativ auf den Spielverlauf aus. Als äußerst positiv wird auch die gleichberechtigte Rolle der Leitung in diesen Phasen empfunden.

 

  1. Verbale und nonverbale Reflexionsmodelle

Den Kindern wird in dieser Alterstufe das eigene Handeln zumeist verbal reflektiert. Auch sie selbst geben ihrer Umwelt zu erkennen was ihnen gefällt und was nicht. In Gruppensituationen (Sitzkreis) schaffen es jedoch nur wenige, sich mittels Sprache zu einem Erlebnis zu äußern. Nonverbale Reflexionsmodelle ermöglichen allen Kindern, ihre Gefühle darzustellen. Dies kann zunächst mit verschiedenartigen „Smilies“, anderen Bildern oder einfachem „Daumen-hoch bzw. -runter“ geschehen. Zudem wirkt diese Methode auf die Kinder sehr motivierend. Regelmäßige Anwendungen verbaler und nonverbaler Reflexionsarten, z.B. zum Tagesabschluss, bereiten die Kinder so spielerisch auf die Reflexionsphasen des ABC-Konzeptes vor und unterstützen gleichzeitig die Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion (1. Baustein).

 

  1. Selbstförderung

In dieser Phase der Entwicklung geht es um die intrapersonelle Ebene der Schüler.

„Ziel ist es, dass der Einzelne ein Verhältnis zu sich selbst entwickelt, sich seiner Grundqualifikation bewusst wird“ (Reiners 1994, S. 59). Daher steht für die Kinder die Wahrnehmung und die Reflexion ihres eigenen Handelns im Mittelpunkt. Die Umsetzung der Selbstförderung erfolgt über die wahrnehmungsreichen Spaßspiele und Reflexionsmodelle.

 

Die einzelnen Bausteine bereichern also die methodische Vielfalt des Unterrichts und lassen sich auf abwechslungsreiche Weisen in das Unterrichtsgeschehen einbringen.

Vierte und fünfte Klasse

Zu den elementaren Bausteinen der Sozialkompetenz, die die Kinder in den ersten Jahren erworbenen haben, werden nun weitere hinzugefügt. Die Schüler sind nun in der Entwicklungsphase, in der ihr „Erleben der eigenen Persönlichkeit im Zusammenspiel mit anderen Teilnehmern und dem Erleben anderer Gruppenmitglieder [...] gerichtet“ ist (Reiners 1994, S. 59). Diese interpersonelle Ebene befähigt sie, den Übergang von den Spaß-Spielen zu einfachen kooperations- und vertrauensbildenden Aufgaben zu gehen. Bei der Auswahl der Anforderungen ist schwerpunktmäßig darauf zu achten, dass die Gruppe zu Erfolgserlebnissen kommt.

Eine weitere Neuregelung bildet die Einführung des Wertevertrages (siehe Plakat auf dem rechten Foto). Um auch hier keine unlösbaren Forderungen an die Schüler heranzutragen, sollte sich die Anzahl der aufgestellten Verhaltensziele - je nach Gruppe - auf drei begrenzen.

Reflexionsphasen werden nun zu konstitutiven Bausteinen, da sie die Klasse in Konfliktsituationen zur Lösungsfindung oder zu Verhaltensänderungen führen sollen.

Die Leitungsrolle kann in dieser Phase noch nicht den Grad an Zurückhaltung annehmen, wie es z.B. die ABC-Theorie vorgibt. Empathische Qualitäten seitens der Leitung sind gefordert, um den Augenblick vor dem Augenblick zu erkennen, an dem die konstruktive Verunsicherung der Kinder umschlägt in destruktive Handlungsweisen. Zwar mag die Tatsache ermutigend sein, dass die Motivation der Kinder, die Aufgaben zu lösen, im Allgemeinen enorm hoch ist. Jedoch wird jeder Abbruch des Versuches von der Klasse als Misserfolg wahrgenommen, was zu gegenseitigen Schuldzuweisungen und damit zur Störung des Gemeinschaftsgefühls führen kann.

Für die Einbindung der derart vereinfachten Form des ABC-Konzeptes in den Unterrichtsalltag ist in der vierten und fünften Klasse jeweils ein Projekt-Block von 15 Doppelstunden geplant. Er kann im Sportunterricht der vierten und fünften oder auch im Sozialkundeunterricht der fünften Klasse durchgeführt werden. Am Ende des zweiten Blockes ist ein ganzer Tag nach dem ABC-Konzept geplant, wobei es sich in diesem Alter anbietet, die Aufgabestellungen in eine dramaturgische Rahmenhandlung einzubinden, wie z.B. in eine Indianergeschichte.2

Sechste und siebte Klasse

Bei jeder Aufnahme von außerschulischen Neuerungen in die Erziehungsstätte, seien es Sportarten, künstlerische Aktivitäten oder auch abenteuer- und erlebnispädagogische Konzepte, besteht die Gefahr der Verschulung der ursprünglichen Idee. Aus diesem Grunde erfolgt in der sechsten und siebten Klasse keine kontinuierliche Arbeit in Form von Blockunterricht. Selbstverständlich können einzelne ABC-Bausteine immer wieder zum Einsatz kommen (Spaß-, Vertrauens- und Kooperationsbildende Spiele). Um aber der Gefahr der Gewöhnung entgegenzuwirken, ist keine regelmäßige Anwendung vorgesehen.

Dem Entwicklungsstand der Schüler angemessen lassen sich nun ihre Handlungs- und sozialen Basiskompetenzen über die Durchführung eines mehrtägigen ABC-Programms ausbauen.

Es werden zwei zusätzliche ABC-Bausteine eingeführt, die eine Programmrealisierung entsprechend des ursprünglichen ABC-Konzeptes gewährleisten:

  • Die Aufgabenstellungen in Outdoor-Situationen besitzen hohen Ernstcharakter.3

  • Dementsprechend wird der Wertevertrag umfassender, da die physische und psychische Unversehrtheit der Schüler unmittelbar sichergestellt sein muss.

 

Die Umsetzung des ABC-Konzeptes in dieser Form ist an Lernorte außerhalb der Schule gebunden. Dazu bietet sich eine Klassenfahrt an. Eine mehrtägige Unternehmung mit ausgewählten abenteuer- und erlebnispädagogischen Aktionen bildet den Abschluss im Integrationsverlauf des ABC-Konzeptes in das Schulprogramm.

 

 

 

Achte bis zehnte Klasse

Der Schwerpunkt der Arbeit in Klassenstufe acht bis zehn liegt in der Festigung der bisher erworbenen sozialen Basiskompetenzen. Die damit verbundenen Schlüsselqualifikationen ermöglichen es nun den Schülern, sich die für den Alltag relevanten Fähigkeiten anzueignen. Unter Anleitung der Oberstufenlehrer werden die Kinder in drei Stufen auf das Leben nach der Schule über erfahrungs- und handlungsorientierte Lernmethoden vorbereitet:

 

  • 8. Klasse: Erwachsen sein, was heißt das?

  • 9. Klasse: Orientierung in fremden Räumen.

  • 10. Klasse: Was kostet das Leben?

 

Was ist unter alltagsrelevanten Fähigkeiten zu verstehen?

Hierzu zählen in erster Linie Eigenschaften, die es den Schülern ermöglichen, konfliktfreie Kontakte zu ihrer sozialen Umwelt herzustellen. Zunächst steht eine Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Biographie im Vordergrund. Anschließend bekommen sie Aufgaben, die sie zur selbstständigen Informationsbeschaffung animieren. Ein weiteres Lernziel besteht im Erwerben der Fähigkeit, sich in fremden Orten zurechtzufinden und unter Zuhilfenahmen von Stadtplänen zu orientieren. Eine zentrale erfahrungs- und handlungsorientierte Methode die hierbei an der LES angewendet wird, ist das City-Bound-Konzept.

 

Die Zielvorstellung ist eine kontinuierliche Fortsetzung der handlungsorientierten Methoden in der Hauptstufe, die durch das abenteuer- und erlebnispädagogische ABC-Konzept im Verlauf der Unter- und Mittelstufe erarbeitet worden sind.

 

 

Umsetzungsschwierigkeiten

Ein Problem in der Umsetzung von wagnisreichen Aktionen, die durchaus auch im Klassenzimmer stattfinden können, besteht in der Anzahl der Leiter. In der Regel sind die Lehrer im Unterricht auf sich allein gestellt. Das Teamen zu zweit eröffnet gerade in den höheren Jahrgangsstufen Vorteile. Ein Lehrer kann nah bei der Gruppe auf sicherheits-relevante Punkte achten, während der andere sich auf die Kommunikationsstrukturen konzentrieren kann. Beides zugleich ist schwer leistbar und kann dazu führen, dass in den Reflexionsphasen wichtige Bereiche nicht moderiert werden können.

 

Die Reflexionsphasen sind in der Praxis nicht immer leicht umzusetzen. Dem Lehrer muss es gelingen, aus der Menge der besprechungswürdigen Situationen die relevantesten für das aktuelle Gruppengeschehen oder auch einzelne Verhaltensweisen und die erlebte Wirkung auszuwählen. Dabei kann die Reflexion sich in Einzelheiten verlieren und das Wesentliche für den weiterführenden Lernprozess wird nicht auf den Punkt gebracht. Abhilfe kann nur durch Praxis, d.h. häufiges Einsetzen der ABC-Methoden geschaffen werden. Idealerweise kann dies an der LES von Zeit zu Zeit mit Unterstützung von Frau Kaiser (bsj) stattfinden.

Um die Reflexionsphasen nicht zu langweiligen Ritualen verkommen zu lassen, ist von Anbeginn der Einsatz verschiedener Reflexionsmethoden sinnvoll.

Unsere Schüler weisen häufig eine niedrige Frustrationstoleranz auf, bei zu komplexer Aufgabenstellung werden sie leicht überfordert. Die Ursache der Überforderung ist dabei von Klasse zu Klasse sehr unterschiedlich. Auch hier wird die Leitung ihre Kompetenz, das jeweils angemessene Aufgabenniveau zu bestimmen und den richtigen Zeitpunkt für notwendige Hilfestellung zu erkennen, durch Erfahrung kontinuierlich aneignen.

Dabei muss der Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrern unbedingt bestehen bleiben, weil nur so Verbesserungen am Konzept, an der Aufgabenauswahl oder im Lehrerverhalten erreicht werden können. Dies erfordert auch längerfristig einen zusätzlichen Einsatz des Kollegiums.

 

Um einen Einblick in die Vielfalt der abenteuer- und erlebnispädagogischen Projekte an unserer Schule zu bekommen, ist ein Plan zur Umsetzung des Schuljahres 2005/6 im Kapitel Anhänge angefügt.